Rehmann – Vita


von Dr. Michael Tunger

Päpstlicher Hausprälat
Domkapitular am Hohen Dom zu Aachen
Wirklicher Geistlicher Rat
Diözesanpräses des Allgemeinen Cäcilienverbandes
Ehrenmitglied der Königlich-Flämischen Akademie in Brüssel
Mitglied der deutschen Sektion des Internationalen Musikrates der UNESCO
Ehrenmitglied der Internationalen Bruckner-Gesellschaft
Mitglied des Deutschen Musikrates
Präsident der Arbeitsgemeinschaft deutscher Chorverbände

„Klingende Kathedrale“ ist ein von Professor Theodor Bernhard Rehmann geprägtes Wort, dem unvergessenen Domkapellmeister von Aachen. Am Morgen seines Todestages verbreitete sich bald in der ganzen Stadt die Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden dieses für den flämischen und rheinländischen Raum so bedeutenden Priestermusikers.

Am 9. Februar 1895 in Essen als Sohn niederrheinischer Eltern geboren, hochgebildet von Jugend auf, entschloß sich Rehmann nach den furchtbaren Materialschlachten des Ersten Weltkrieges, die ihn nach Rußland, Frankreich und  Flandern führten und in denen er stets die Partitur von Bruckners „Te Deum“ mit sich trug, Priester zu werden. Trotz oder gerade wegen dieser schrecklichen Jahre entwickelte er eine tiefe Liebe zu Flandern, seinen Menschen und seiner Kultur. Als Offizier heimgekehrt, verband er das Studium der Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster und Bonn mit einem gleichzeitigen Studium der Musikwissenschaft bei Ludwig Schiedermair. Am 18. Februar des Notjahres 1923 empfing Rehmann im Kölner Dom aus den Händen von Erzbischof Cardinal Schulte die hl. Priesterweihe. Bis in die frühen Kaplansjahre hinein führte er das theoretische und praktische Musikstudium fort. Am 22. August 1924 wurde Rehmann - nach kurzer Pfarrseelsorge in Düsseldorf/Wersten in der Pfarrei St. Maria Rosenkranz – zum Stiftsvikar und Stiftskapellmeister am Liebfrauen-Münster in Aachen ernannt. Das Bistum Aachen war damals noch nicht wiedererrichtet.

Der Chronist der Festgabe für Theodor Bernhard Rehmann „Cappella Carolina - 30 Jahre Dienst am Aachener Dom“ stellt fest: „Eine Kultstätte von der einzigartigen Bedeutung des Aachener Domes ist naturgemäß von jeher auch besondere Pflegestätte der Musica sacra, ganz gleich, ob im Wechsel der Geschichte karolingische Residenz, Krönungsort der deutschen Könige, Heiligtumsfahrt oder Bischofssitz dem Dom die besondere Verpflichtung auferlegten. So hatte es denn mehr als nur eine zeremonielle Bedeutung, daß am Aachener Münster mit seiner wohlabgewogenen liturgischen Ordnung der Kantor die geborene zweite Dignität war.“ (S. 49) Hierin spiegelt sich der Rang, den die Musica sacra in der recht verstandenen Liturgie einnimmt.

In der Auffassung einer in diesem Sinne verpflichtenden Tradition trat Rehmann nach dem Kirchenmusikstudium in Regensburg und München mit dem staatlichen Abschlußexamen bei dem vormaligen Aachener Musikdirektor Prof. Eberhard Schwickerath am Sonntag, dem 2. August 1925, seinen Dienst als Aachener Stiftskapellmeister an.

Der Chronist der genannten Festgabe erkennt in der Geschichte des Aachener Domchores unter Rehmanns Leitung folgende Lebens- und Entwicklungsabschnitte: 1925-1930: Ausgleich zwischen cäcilianischer Tradition und neuen kirchenmusikalischen Kräften; 1930-1935: Internationale Ausweitung des Wirkungsbereiches; 1935-1940: Ausbau des Wirkungsraumes und ständige Behauptung gegen die störenden Kräfte der Zeit; 1940-1945: Durchhalten in Kriegsnot; 1945-1950: Neuaufbau; 1950-1955: Neue Intensivierung der Chorarbeit im wiedergewonnenen großen Aktionsrahmen. Diese Phase setzte sich bis zum plötzlichen Tod Rehmanns im Jahr 1963 fort, wobei sich das Geschaffene konsolidierte und in der Gründung und Einweihung der von Rehmann unter Einbeziehung des Regensburger Domkapellmeisters Prof. Dr. Theobald Schrems (1893-1963) schon Ende der dreißiger Jahre geplanten Aachener Domsingschule, einer privaten katholischen Grundschule für Jungen als Existenzsicherung des Domchores, am 17. September 1960 ihren Höhepunkt fand.

Durch Stiftskapellmeister Franz Nekes (1844-1914) waren die Werke der dem Cäcilianismus verpflichteten Komponisten in die Mitte der Dommusik getreten. Rehmann nahm hier eine Korrektur zugunsten der altklassischen Meister und der modernen Kompositionen der Kölner und Münchener kirchenmusikalischen Schulen (Heinrich Lemacher; Joseph Haas), aber auch der zeitgenössischen Komponisten Flanderns und des von ihm hochverehrten Anton Bruckner vor. Über das erste Jahrzehnt, das der Aachener Domchor unter der Stabführung von Stifts- beziehungsweise Domkapellmeister Rehmann erlebte, schrieb das „Echo der Gegenwart“ unter Zitation der „Kölnischen Volkszeitung“ im Jahr 1935: „Mit dem Namen des Domkapellmeisters Th. B. Rehmann ist seit zehn Jahren das innere Wachsen, der künstlerische Höhenstieg und damit der musikalische Ruf und die Reputation des Aachener Domchores als führender deutscher Vokalkörper verbunden. Man erinnert sich noch gut der ersten Taten im Geiste Bruckners, der Aufführungen der Messen von Joseph Venatius von Wöß, eines Schülers des Meisters, der auf kirchenmusikalischem Gebiet am Rhein erstmals in Rehmann einen überragenden Ausdeuter u.a. in der e-moll-Messe fand. Von den Komponisten neuzeitlicher Richtung ist kaum einer, den die Aachener nicht mit Erst-, meist Uraufführungen charakteristischer Werke richtunggebend herausstellten: der deutsche Westen und Süden standen in erster Reihe; dabei wurden der Norden und der Osten nicht vergessen; Bachs gewaltiger Genius wurde beschworen; neben den großen Italienern aller liturgischen Kategorien waren in hervorragender Weise die ‚Niederländer’ aller Schulen vertreten; das Ausland, vor allem die stammesverwandten Flamen waren ständige Gäste im sangesfrohen Aachen und hörten ihre Arbeiten dort voller Bewunderung.“ Zu letzteren gehören u.a.: Hendrik Andriessen (1892-1981), Jef van Hoof (1886-1959), Arthur Meulemans (1884-1966), Julius van Nuffel (1883-1953) und Flor Peeters (1903-1986). Der Zeitung fährt fort: „Seit der Aachener Internationalen Kirchenmusiktagung 1934 steht die Vorrangstellung des dortigen Kathedralchors für den deutschen Westen fest, rangiert er unter den besten deutschen gemischten Chören überhaupt. Seine … Reisen nach Flandern und Italien festigten und vermehrten sein künstlerisches Ansehen weit über die Grenzen des eigenen und der von ihm erfolgreich besuchten Länder. Als geistige Macht von internationalem Wirkungskreis hält dieser treue kirchenmusikalische Ekkehard überragende künstlerische Wacht im deutschen Grenzlande.“ (Der Aachener Domchor im letzten Jahrzehnt: Echo der Gegenwart, 15. November 1935, S. 8.)

Als markante künstlerische Ereignisse und Höhepunkte in der Folgezeit - neben der Hauptaufgabe des liturgischen Singens in der Aachener Münsterkirche, die am 31. August 1930 zur Kathedralkirche des neu errichteten Bistums Aachen erhoben wurde, - sind zu nennen: die II. Internationale Tagung für neue katholische Kirchenmusik vom 5. bis 8. Januar 1934, das Internationale Bruckner-Fest vom 2. bis 5. September 1934 in Aachen, die Audienz bei Papst Pius XI. im Konsistoriensaal des Vatikans am 28. April 1935, die Konzerte in Berlin 1936 und 1938, wo die Kritik den Chor noch über die Regensburger Domspatzen stellte, in Antwerpen, Gent, Löwen und Paris 1937, die Schallplattenaufnahme der e-moll-Messe von Anton Bruckner bei der Electrola-Gesellschaft in Berlin 1938 und die Einweihung der neuen Domorgel und der Singschulräume im Gebäudekomplex des alten Choralenhauses am Katschhof am 24. September 1939. Rehmann umschiffte mit seinem Domchor durch Geschick und Weitsicht die sich auftürmenden Klippen der politischen Zeitereignisse: „Auftretende Schwierigkeiten mit der Organisation der Staatsjugend wurden durch tapfere Solidarität der hinter den Knaben stehenden Familien und auch durch wohlwollendes Verhalten eines Teils der Jugendführer meistens gut überwunden. Durch die guten persönlichen Beziehungen des Chors zum Präsidenten der Reichsmusikkammer, Prof. Dr. Peter Raabe (Prof. Dr. Dr. h.c.Peter Raabe war von Mai 1921 bis April 1935 Generalmusikdirektor in Aachen, von 1935 bis 1945 Präsident der Reichsmusikkammer. Alfred Beaujean würdigte seine Verdienste um das Aachener Musikleben: Symbol einer urbanen Musikkultur, Zum 100. Geburtstag des Dirigenten Peter Raabe: Aachener Volkszeitung, 25. Nov. 1972, Magazin.), kamen drohende Schwierigkeiten nie zur Auswirkung. Unter bewußter Ablehnung politischer, propagandistischer Aufträge wurden aus eigener Initiative die vom Frankfurter und flämischen Aktionwinkel her angeknüpften Auslandsbeziehungen weiterentwickelt und nur Verbindungen rein kirchlicher Art gepflegt“, notiert der Chronist (Festgabe, S. 52).

Während des Zweiten Weltkrieges lief die Chorarbeit trotz der kirchenfeindlichen Atmosphäre in tapferer Stetigkeit weiter. Am 10. Juli 1941 kam das Verhängnis: Domsingschule und Notenarchiv des Domchores wurden durch Bomben vollständig zerstört. Mit schnell zusammengeschriebenen Noten ging der regelmäßige feierliche liturgische Dienst jedoch unentwegt weiter. Die Zeit der Bewährung für alle Chorsänger setzte ein, die Domkapellmeister Rehmann schon 1939 vorhergesagt hatte: „Wir werden hier noch singen, wenn an St. Jakob die Granaten einschlagen.“ (Vgl. Festgabe S. 53.) Der Chronist der Festgabe stellt fest: „Allein die unerschütterliche Verbundenheit der Chorsänger mit dem Schicksal des Domchors machte es möglich, unter denkbar schwierigen Voraussetzungen die künstlerische Leistung der Schallplattenaufnahmen im November 1942 durch die Electrola-Gesellschaft in Berlin zu bewerkstelligen und Weihnachten 1942 die Uraufführung der Missa ‚Gloria Dei’ von Th. B. Rehmann im Dom zustande zu bringen.“ (S. 54) Am 14. Juli 1943 fand ein Konzert des Aachener Domchores und des Städtischen Orchesters unter Leitung von Domkapellmeister Rehmann im großen Saal des Konzerthauses an der Couvenstraße statt. Der monumentale 150. Psalm Anton Bruckners beschloß das letzte Konzert in diesem wegen seiner Akustik berühmten Raum, in dem schon der junge Herbert von Karajan als Aachener Generalmusikdirektor seine ersten künsterischen Höhepunkte feierte. In der darauffolgenden Nacht wurde das Konzerthaus durch Fliegerbomben zerstört. Der sich steigernde Bombenterror im Frühjahr 1944 und der Tod von 12 Singknaben in der Bombennacht vom 10. auf den 11. April 1944 führte zu einer starken Beeinträchtigung des Chordienstes, so daß sich die Mädchen des damals bekannten Ursula-Chores, der auch nach Zwangsauflösung des Klosters St. Ursula und seiner Schule aufgrund der juristischen Anbindung an den Domchor weiter bestehen konnte, für den chorischen Einsatz im Dom an jedem Sonn- und Feiertag zur Verfügung stellten. Der Chronist der Festgabe berichtet: „Die überzeugt religiöse Haltung jedes Sängers im Chor machte es allein möglich, in den schlimmsten Wirren des Jahres 1944 den musikalischen Dienst im Dom durchzuhalten.“ (Festgabe, S. 55) Am 17. September 1944 schließlich wurde die Sängerschar durch staatliche Kräfte mit Gewaltandrohung vertrieben. Das erste Pontifikalamt wurde jedoch - nach der Einnahme Aachens durch die Amerikaner – schon wieder am ersten Adventssonntag desselben Jahres gesungen. Nicht nur die Reste des Domchores, sondern auch die Reste des Städtischen Orchesters musizierten Weihnachten 1944 wieder zur Ehre Gottes und zur Heiligung der Gläubigen im Dom.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es, den Knabenchor wiederzubeleben. In den Jahren 1945 bis 1954 leitete Domvikar Dr. Franz August Müller (1909-1971) die Domsingknaben. Diese Aufgabe übertrug Rehmann ab dem Jahr 1954 seinem ehemaligen Singknaben und späteren Nachfolger im Amt des Domkapellmeisters, Domvikar Dr. phil. Rudolf Pohl (Photo links). Vom 1. September 1945 bis 31. August 1946 war Rehmann auch kommissarischer Städtischer Musikdirektor in Aachen für den Wiederaufbau des städtischen Musiklebens. Er nahm zusammen mit dem Leiter des Städtischen Chores Wilhelm Pitz die „Städtischen Konzerte“ - vorerst in Ermangelung eines Konzertsaales in der sonst Sportzwecken dienenden, unbeheizten „Talbothalle“ der Technischen Hochschule - in Gegenwart eines mit Mänteln bekleideten Auditoriums wieder auf. Rehmann faßte die Gefühle der Aachener Bevölkerung um die Jahreswende 1945/46 so zusammen: „Die Menschen, die die Schrecknisse überlebten, wollten nicht ohne Hoffnung leben. Nächst den Tröstungen der heiligen Religion war es die heilige Macht der Musik, die im Aachen des ausklingenden Jahres 1944 und des kaum weniger schrecklichen Jahres 1945 die Menschen geistig sammelte und stärkte.“ (Zitat: Hans SIEMONS, Warme Ziegelsteine Heizung fürs Konzert, Trümmeralltag mit Musik und Theater: Aachener Volkszeitung, 6. Januar 1988, S. 12.) Rehmann schuf die vierzehntäglich stattfindende „Musik im Dom“, die noch heute – nunmehr alljährlich - zur Erinnerung an die Wiedergewinnung der Heimat im Jahre 1945 veranstaltet wird. 

„Mit Händels Halleluja aus dem Inferno“, so titelte später einmal die „Aachener Volkszeitung“ einen Bericht über den Neuanfang des Aachener Musiklebens nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Sonntag, dem 30. September 1945, um 16 Uhr, sowie an den folgenden zwei Sonntagen legte Rehmann den Grundstein zu diesem Neubeginn mit der Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel im Aachener Dom. Im Programmblatt zu dieser Aufführung führte er selber aus: „Das musikalische Kunstwerk mit dem unbestritten größten Weltruhm, das insbesondere wie kein zweites seit Generationen die Herzen und Gemüter gerade der angelsächsischen und deutschen Welt einte, steht programmatisch am Beginn des 1. Konzertwinters nach der überstandenen Katastrophe als Bekenntnis eines neuen Aufbauwillens. Es hatte schon einen tiefen Sinn, daß die Wut der braunen Bilderstürmer sich gerade gegen das größte Meisterwerk Händels richtete. Noch sinnvoller aber ist für uns das positive Bekenntnis zu dem  -  neben Bachs Matthäuspassion und Beethovens IX. Symphonie – größten musikalischen Mahnmal der Weltgeschichte, das unsere Großen: Klopstock, Herder und Goethe, Mozart, Mendelssohn und Bruckner nicht genug rühmen konnten. Wie sehr der Messias Händels ureigenstes Werk ist, wird besonders deutlich durch den Umstand, daß der Komponist selbst den Text schuf aus Stellen der Hl. Schrift. Es ging dem Meister um ein versenkendes Betrachten in das Leben Christi,'eine Betrachtung aus der Höhe der Jahrtausende. Vor ihr schwinden die Namen von Menschen und Orten; alles Persönliche und Materielle wird klein und unbedeutend. Aber die Hauptszenen leben dramatisch auf, und die Spuren, die sie in Herz und Geist der beteiligten Geschlechter hinterließen, leuchten in einem Glanze, der in den Tagen, da die Geschichte geschah, nicht zu ahnen war’. (Hermann Kretzschmar.) Das Gespür der Angelsachsen für Weltgültigkeit erfaßte die tiefe Symbolik des Händelschen Werkes, indem er ihr noch eine besondere Betonung an ihrem Höhepunkt verlieh: beim großen Halleluja erhebt er sich von seinem Platz und hört stehend den Preis des allmächtigen Herrn der Welt an. Gerade diese von tiefstem Sinn erfüllte Geste möge bisher getrennte Herzen wieder einen zu neuem Glauben und Hoffen an eine bessere in wiedergefundener Eintracht aufzubauende Welt.“

Am 8. Juni 1946 konnte Rehmann in Zusammenarbeit mit dem später noch zu hohen Ehren gelangenden Chordirektor Wilhelm Pitz (Photo links) das 101. Niederrheinische Musikfest in Aachen eröffnen. Im Programmheft schrieb er: „In der langen Geschichte der Feste gebührt Aachen der Ruhm, immer wieder in Krisenzeiten, wo die Feste nach der Meinung einiger Pessimisten sich angeblich überlebt haben sollten, die Initiative für die Wiederbelebung ergriffen zu haben. ... Wie bisher, soll auch das diesjährige Fest die künstlerische Begegnung mit den Musikkräften der westlichen Nachbarländer zum Ausdruck bringen als Beitrag zur geistigen Befriedung einer entzweiten Welt: Edward Elgar und Vaughan Williams vertreten in imponierender Weise englische Musik, César Franck und Maurice Ravel die französische, Julius van Nuffel die belgische.“ Aus gleicher Initiative wurde im Herbst 1946 das nun jährlich stattfindende Eifeler Musikfest begründet. Der Chronist berichtet darüber: „An einem Herbsttag des Jahres 1945 machten drei Männer einen Spaziergang über die Eifelhöhen in der Umgebung des Klosters Steinfeld. Sie sprachen besorgt über die Schrecknisse der jüngsten Vergangenheit, die allenthalben in der Eifel ihre Spuren zurückgelassen hatten, und über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines Wiederbeginns nach den Jahren apokalyptischer Zerstörung und geistiger Tyrannei. Die drei Männer waren Johannes Joseph van der Velden, Bischof von Aachen, sein Domkapellmeister und Freund Theodor Bernhard Rehmann und Pater Ludger Dingenotto, der Superior der Genossenschaft der Salvatorianer in Steinfeld. Eine Fahrt von Aachen in die Südecke des Bistums war damals noch ein kleines Abenteuer. Öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht, die Straßen waren großenteils in einem fürchterlichen Zustand. Man beriet darüber, wie den schwer heimgesuchten Bauern des Eifellandes, insbesondere des Grenzkreises Schleiden, in ihrem damals noch fast hoffnungslos scheinenden Wiederaufbauwerk eine geistige Wiederaufrichtung geschenkt werden könne. Rehmann schlug einen Besuch des Aachener Domchores und des damals von ihm geführten Städtischen Orchesters zu einem kleinen Musikfest im Kloster Steinfeld vor. Die Idee der Eifeler Musikfeste war geboren. Schon im Sommer 1946 wurde sie erstmalig verwirklicht.“ (Alfred BEAUJEAN, 25 Jahre Eifeler Musikfest: Heimatjahrbuch des Kreises Schleiden 1970, S. 57.)

Mit seiner Begabung, Weitsicht und Initiative gelang es Rehmann, den Aachener Domchor in der kultischen Feier, auf Konzertreisen durch Europa und mit außerordentlichen Schallplattenaufnahmen zu höchsten Leistungen und internationalem Ruf zu führen, mit Konzerten u.a. in Frankreich 1949, 1951, 1954 und 1956, in Österreich 1950, in Spanien 1952 sowie in Italien 1957. Seine vielseitige Begabung kam auch in seinem umfangreichen kompositorischen Schaffen, das unschwer den musikalischen Romantiker erkennen läßt, und in seiner schriftstellerischen Tätigkeit zum Ausdruck, die ihn in Vorträgen, Aufsätzen und Predigten als leidenschaftlichen Bekenner für die überaus große Bedeutung der liturgischen Musik und der Kirchenmusik überhaupt zeigt, „bei dem sich wissenschaftliche Einsicht, philosophische Ordnung und musische Ergriffenheit mit einer alles durchdringenden religiösen Berufung“ (W. M. Berten) vereinten.

Rehmann, am 27. April 1948 zum Päpstlichen Hausprälaten und am 26. August 1958 zum residierenden Domkapitular am Aachener Dom ernannt - seit 28. April 1944 war er dort schon Ehrendomherr und Wirklicher Geistlicher Rat -, baute selber an dem heiligen Dom der Sakralmusik, mit seinen Worten ausgedrückt, an der „Klingenden Kathedrale“. Der Kult der heiligen Liturgie war für ihn der Ursprung und das Rückgrat jeglicher kirchenmusikalischer Bemühung. Zugleich führte er die Kirchenmusik im Sinne des hl. Philipp Neri, des Begründers des Oratoriums, über den Bereich des liturgischen Rahmens hinaus. Seine tiefe Verehrung der hl. Cäcilia, der Patronin der Kirchenmusik, war in einem für ihn wichtigen Kriegserlebnis begründet und kam nicht zuletzt auch in der von ihm geschaffenen grandiosen sechsstimmigen Motette „Cantantibus organis“, der  gleichnamigen Missa und in der Tatsache, daß er sein Arbeitszimmer „Cäcilienzimmer“ nannte, zum Ausdruck. (Photo links unten: Rehmann mit Bundespräsident Theodor Heuss)

Mit der Darstellung des Gedankens der „Klingenden Kathedrale“ nahm ihn im Jahr 1959 die Königlich-Flämische Akademie der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste in Brüssel als Ehrenmitglied auf. In diesem mit Bild- und Tonbeispielen durchsetzten Vortrag „Klingende Kathedrale. Das hymnische Geheimnis der Aachener Pfalzkapelle“ nimmt Rehmann direkten Bezug auf das Bauwerk des Aachener Domes und seines Interieurs, um es in Beziehung zu sakralen Musikwerken verschiedener Epochen zu setzen, und trifft so liturgietheologisch-musikalische Aussagen von zeitlosem und allgemeingültigem Charakter. Er dankte dem zuständigen Staatsminister mit folgenden Worten: „Die mir zuteil gewordene Ehre soll für mich eine gesteigerte Verpflichtung bedeuten, mit allen meinen Kräften für eine friedliche und segensreiche Begegnung unserer beiden Nachbarvölker besorgt zu sein.“ (Quelle: Domarchiv Aachen: Nachlaß Rehmann Nr. 91.)

Nachdem er noch einmal das hl. Meßopfer dargebracht hatte, verschied Rehmann in den frühen Morgenstunden des 4. Oktober 1963 plötzlich und unerwartet in dem Eifelstädtchen Schleiden. Der Chronist berichtet: „In der Nacht vom 3. zum 4. Oktober 1963 schloß der Gründer und Initiator des Eifeler Musikfestes für immer die Augen. War es der vielberufene ‚Zufall’, daß der Mann, der fast vierzig Jahre an der Aachener Kathedrale gewirkt hatte, in Schleiden starb? Daß sein letztes Gespräch dem Musikfest in Steinfeld galt? Am Abend des 3. Oktober hatte er mit dem damals amtierenden Schleidener Oberkreisdirektor das Programm für das 19. Eifeler Musikfest 1964 erörtert. Er beabsichtigte unter anderem, das ‚Gloria’ des französischen Meisters Francis Poulenc aufzuführen, und hatte eine Schallplattenaufnahme des Werkes mitgebracht, die er im Kreise des Oberkreisdirektors vorführte. Anschließend begab er sich ins Anna-Clara-Haus, wo er vor der großen Rom-Reise des Domchores, deren Höhepunkt eine Aufführung der h-moll-Messe von Bach vor dem Papst und den Konzilsvätern sein sollte, noch einige Tage der Ruhe und Entspannung verbringen wollte. Am Morgen des 4. Oktober, des Franziskus-Tages, fand ihn eine Ordensschwester tot in seinem Zimmer auf. Ein Schlaganfall hatte seinem rastlosen Wirken ein Ende gesetzt. Die wie Sphärenmusik verhauchenden Klänge des Werkes von  Poulenc waren die letzte Musik, die an sein leibliches Ohr drang. Er liebte dieses ‚Gloria’, das selbst aufzuführen ihm nicht mehr vergönnt war.“ (Alfred BEAUJEAN, 25 Jahre Eifeler Musikfest: Heimatjahrbuch des Kreises Schleiden 1970, S. 67.)

Papst Paul VI. wohnte am Samstagnachmittag, dem 19. Oktober 1963, um 17 Uhr im großen Auditorium in der Via della Conciliazione in Rom dem Anfang der Aufführung der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach bei. Es war das erste Mal in der neueren Geschichte, daß ein Papst wegen eines Konzertes den Vatikan verließ. Als „Concertatore“ war Rehmann im Programmheft dieses denkwürdigen Konzertes angeführt. Für ihn, den großen kirchenmusikalischen Visionär, dirigierte Msgr. Prof. Dr. Anton Lippe aus Graz den Aachener Domchor.

Oberbürgermeister Hermann Heusch und Oberstadtdirektor Dr. Anton Kurze ehrten Professor Rehmann mit folgenden Worten: „Dieser treue Hüter der großen musikalischen Tradition der Cappella Carolina während nahezu 40 Jahren hat sich in den dunkelsten Tagen der Geschichte unserer Stadt bewährt. Die erhebenden musikalischen Feierstunden im Dom werden ebenso unvergessen bleiben wie die Tatsache, daß er es war, der nach den Zerstörungen des Krieges ein neues Musikleben in Aachen erweckt hat. Die von ihm geschaffene Domsingschule soll uns das Fortbestehen der hohen Werte sichern, denen er seine Lebensarbeit gewidmet. Aachen wird das Andenken an diesen edlen Priester, der ein begnadeter Künstler und ein liebenswerter Mensch war, in Treue bewahren“ (aus der Todesanzeige). (Quelle: Domarchiv Aachen: Nachlaß Rehmann Nr. 91. Die Stadt Aachen benannte auch eine Straße nach Rehmann: „Auszug aus der Niederschrift über die Sitzung des Rates der Stadt am 12. Dezember 1963: Umbenennung der Burgstraße in Rehmannstraße. Auf Vorschlag des Oberbürgermeisters und Empfehlung des Haupt- und Aufbauausschusses beschließt der Rat der Stadt, zum Andenken an den verstorbenen Domkapellmeister Professor Theodor Bernhard Rehmann die Burgstraße in Rehmannstraße umzubenennen.“ (Auskunft durch das Vermessungs- und Katasteramt der Stadt Aachen vom 14. 9. 2004.)

Rehmann (auf dem Photo ganz links bei Papst Pius XII. in Castelgandolfo) galt als einer der führenden Kirchenmusiker seiner Zeit von europäischem Rang, wie aus zahlreichen Glückwunschbriefen hervorgeht. Vom Geist des christlichen Humanismus erfüllt, umgänglich, der Tradition wie auch der Gegenwart fest verbunden, machte Rehmann das Unhörbare der ewigen Harmonie vernehmbar, fand er in der friedlosen Welt doch stets das Schöne und wurde durch seine somit zutiefst priesterliche kirchenmusikalische Tätigkeit zum Vermittler und Darsteller der Schönheit und Wahrheit, die Gott selber ist.