CAPPELLA CAROLINA


1200 Chorschule am Hofe Karls des Großen


Der Dom zu Aachen und die zum Lobe Gottes in ihm erklingende Musik bilden eine Einheit, die ihren Ursprung in der schöpferischen Tat Karls des Großen (748-814) hat und aus der Grundidee des Bauwerkes hervorgeht, Abbild des Himmels zu sein. Wenn der heilige Gesang den Raum erfüllt, ergeben Harmonie der Töne und Harmonie der architektonischen Maße einen einzigartigen Zusammenklang, der die Vollkommenheit überirdischer Harmonie erahnen läßt. Wie die Kirche „nach dem eigenen Plan“ des Kaisers erbaut war, so galt seine Sorge in gleicher Weise der Erneuerung des Gottesdienstes, der Pflege des kirchlichen Gesanges. Nach römischem Vorbild wurden in der Hofschule in Aachen auf Anordnung des Kaisers die Sänger unterrichtet. Aachen, politischer und religiöser, kultureller und künstlerischer Mittelpunkt im Reiche Karls des Großen, bewahrte mit hingebungsvoller Treue das unvergängliche Gebäude der karolingischen Hofkirche. Mit dieser Kirche blieb verbunden die Tradition kunstvollen Singens.

Chronik

Der Kaiser berief die berühmtesten Gelehrten seiner Zeit aus Italien, Griechenland und England als Lehrer an seine Hofschule. Im Jahr 781 begegnete der Kaiser in Parma dem gelehrtesten Mann seines Jahrhunderts, dem Mönch Alkuin, der auf der Reise nach Rom war. Alkuin, um 732 in Northumbria aus edlem Geschlecht geboren, von 740 bis 781 Schüler und später Lehrer, Bibliothekar und Leiter der Klosterschule in York, folgte begleitet von mehreren Landsleuten 782 dem Ruf Karls des Großen in das Frankenreich und leitete die „Schola Palatina“ bis zu seiner Berufung an die Abtei St. Martin in Tours 796. Alkuin unterbrach seinen Aufenthalt auf dem Festland von 786-787 und von 790-793 und besuchte vorübergehend England. Alkuin starb 804 in Tours. Karl soll gesagt haben, er erachte den Besitz Alkuins höher als den eines Königreiches.

In dieser Schule, die nicht nur von Kindern der Vornehmsten des Reiches besucht wurde, unterrichtete Alkuin auch den Kaiser, die Söhne, Töchter und Verwandten Karls. Als vorbereitende Fächer wurden die Künste des Triviums gelehrt: Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Der Unterricht des Quadriviums erfolgte in Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Hinzu kamen Unterweisungen in der Heiligen Schrift. Zu den bedeutendsten Schülern Alkuins gehören Einhard (um 770-840), Amalarius von Metz (um 775-850) und Hrabanus Maurus (780-856). Alkuin selbst hat in einem lateinischen Gedicht die Schule beschrieben und erwähnt, wie ein Lehrer namens Sulpicius die Knaben im Gesange unterrichtet:

Sulpicius führt unterrichtend die Schar der unschuldigen Kleinen, daß er sie leite und lehre, den rechten Accent zu beachten; wie Idithun unterweist er im heiligen Gesange die Knaben, und, um süße Töne mit klangvoller Stimme zu singen, lernen sie der Tonkunst Rhythmus, Takt und Gefüge kennen.

Wie in dieser Strophe der Gesanglehrer Idithun genannt wird, nach dem Namen eines Musikers am Hofe Davids, so trugen auch die anderen Lehrer berühmte Namen der Geschichte. Alkuin hieß Horaz oder Flaccius, Angilbert, der Schwiegersohn Karls, Homer, Einhard nach dem Erbauer der Stiftshütte Beseleel. Karl selbst wurde David genannt. Wie ein zweiter David trug der Kaiser dafür Sorge, durch einen würdigen Kirchengesang den Gottesdienst zu verherrlichen.Wiederholt war Karl persönlich in der Singschule gegenwärtig und unterstützte die Lehrer beim Unterricht durch seine Autorität. Der Biograph Einhard sagt, daß Karl ganz besonders sein Augenmerk auf die Verbesserung des Lesens und Singens richtete. In beiden Dingen war er selber wohl erfahren, obgleich er weder öffentlich las, noch anders als leise und im Chor sang. Den Anfang der politischen Idee eines geeinten Reiches hat Karl eng verbunden mit einer einheitlichen Liturgie und einer einheitlichen kirchlichen Musik. Der Eifer des Kaisers in der Einrichtung echt gregorianischer Praxis war die Ursache für die Verbrennung aller Bücher des ambrosianischen Ritus, um die Einheit von Gesang und Liturgie zu sichern. Schon im Jahre 774 sandte er zur Ausbildung im Gesang einige Mönche nach Rom. Die Vorschriften des Kaisers in den Kapitularien von 789, seine Anordnungen über die Inspektion des Gesanges und die Verfügung, daß alle Kleriker geprüft werden sollen in der römischen Gesangsweise und dem Meßgesang, sie dienten dem gleichen Ziel: den Gesang im christlichen Geiste und nach der reinen Lehre Roms zu erhalten.


Im Jahre 790 gab Papst Hadrian den wiederholten Bitten Karls des Großen nach und sandte zwei geübte Sänger nach  Norden. Sie brachten Abschriften des Antiphonars mit. Weitere Schulen des Kirchengesanges in Metz, Soissons, Paris, Köln, St.Gallen und anderen Orten begannen die Pflege der Musik. Die Schola cantorum in Rom überwachte die Pflege des Kirchengesanges in Europa. Karl und Alkuin förderten die Reinerhaltung und Vereinheitlichung. Mittelpunkte der karolingischen Musikkultur, mit Einschluß der weltlichen Musik, waren die Klosterschulen der Mönche. Kirchenmusik begleitete das Leben der Mönche vom mitternächtlichen Einleitungspsalm „Venite“ bis zum Abendgebet des nächsten Tages.

An Stelle eines kleineren christlichen Heiligtums wurde um 800 die Marienkirche nach Karls „eigenem Plan“ vollendet. In einer Synode von Aachen führte Karl das Credo der Messe im Gottesdienst der Marienkirche ein, das später Bestandteil der römischen Liturgie wurde.

Eng verknüpft mit dem Leben der Singschule beginnt in Aachen die Geschichte der kirchlichen Orgelmusik. Von der Orgel, die um 807 der Kalif Harun-al-Raschid Karl dem Großen geschenkt haben soll, konnten in arabischen Quellen keine Belege gefunden werden. Ein Instrument, das im Osten ausschließlich bei weltlichen Festen im Palast Verwendung fand, wurde durch die Aufstellung in der Marienkirche zum Symbol religiöser Musik. Karl der Große empfing als „Kaiser“ des Westens „in der Kirche“ die Huldigung der byzantinischen Gesandten. 812 berichtet der Mönch von St.Gallen von einem Orgelbau für die Marienkirche in Aachen auf Anordnung Karls nach dem Muster der von Kaiser Konstantin V. Kopronymus seinem Vater Pippin geschenkten Orgel. Ähnliche Instrumente wurden von den Mönchen angefertigt. Die kleinen Orgeln hatten den Umfang einer Oktav und dienten dazu, die Intonation beim Choralgesang zu verbessern. Sie wurden auch als Hilfsinstrument für den Vokalunterricht gebraucht. Bis zur Reformation wurden die Spieler meist aus dem Klerus genommen.

Mit der in der „Gesta Caroli Magni“ erwähnten legendären Gestalt des Glockengießers Tancho begann die Geschichte des kunstvollen Glockengusses in Aachen, der vor allem durch die Meister der Familie von Trier im 17. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte.

Solange die Geistlichen an der Münsterkirche nach der Regel des heiligen Benedikt klösterlich zusammen lebten, war die „Schola cantorum" eine Klosterschule. Nach Aufhebung des gemeinsamen Lebens im Jahre 960 wurde die Schule als „Stiftsschule" dem Scholaster Magister scholae unterstellt. Zeichen seiner Funktion war ein silberner oder vergoldeter Stab. Die Chorknaben, auch „Choralen" oder „Vicarioli" genannt, hatten eine eigene Kleidung, trugen nach Vorschrift des Konzils von Trient die Tonsur und deshalb ein Käppchen oder Birett. Unter den Singschulen Deutschlands nahm die Singschule in Aachen eine außergewöhnliche Stellung ein. Die gesanglichen Aufgaben bei den Krönungsfeierlichkeiten verlangten durch sechs Jahrhunderte (936-1531) die Anwesenheit eines leistungsfähigen Sängerchores. 30 Krönungen wurden in Aachen festlich begangen.

813 Erhebung Ludwigs des Frommen zum Mitkaiser
817 Lothar I. Mitkaiser
936 Otto I. und Edith
961 Otto II.
983 Otto III.
1028 Heinrich III.
1054 Heinrich IV.

Godescalc von Limburg war 1080 berühmter Sequenzensänger und Propst an der Aachener Krönungskirche.1087 Konrad (III.)

1099 Heinrich V.
1125 Lothar III.
1138 Konrad III.
1147 Heinrich
1152 Friedrich I.
1169 Heinrich VI

1170 Hochblüte gotischer Gregorianik im Aachener Reimoffizium „Regali natus" und in der Karlssequenz „Urbs aquensis".

1198 Otto IV.
1205 Philipp von Schwaben und Irene
1215 Friedrich II.
1222 Heinrich (VII.); Margarethe 1227

Das gotische Zeitalter bereicherte das liturgische Leben mit dem volkstümlichen Brauch der öffentlichen Zeigung der großen Aachener Heiligtümer in der vermutlich um 1238 beginnenden Aachenfahrt. 1239 werden die großen Reliquien in den Marienschrein gelegt.

Aus frühester Zeit sind uns Gesänge zur Verehrung der Heiligtümer erhalten, die im strengen Rahmen des liturgischen Domgottesdienstes erklangen. Bereits für die Feier um 1400 ist die Antiphon „O camisia purpurata sanctae Dei genitricis“ nachweisbar, die bei der Öffnung des Marienschreins gesungen wurde. Auf einer Tafel am Muttergottesaltar befand sich offenbar einer der beliebtesten lateinischen Gesänge, die „Salutatio sanctuarii Aquisgranensis“, die „Begrüßung des Aachener Heiligtums“: „O thesaure pretiose“. Der zur „Begrüßung“ gehörende Hymnus wird heute noch in der feierlichen Vesper zur Öffnung des Marienschreins gesungen: „O vere sanctuarium.“ Nach der Öffnung des Marienschreins „werden die Heiligen Reliquien in ein kleines Kistlein gelegt, mit einer schwartz Sammeten Deck uberworffen, und demnechst per Vicarios Regios vom Altar ab, und auff die Heilthumbs Kammer getragen, und solches mit vorgehender lieblicher Musik, mit viel brennenden Fakkeln, mit Leuthung der grossen Glocken, mit Außblasung der Freyheit mitten in der Kirchen“ (Noppius, Aacher Chronick).

Neben den lateinischen Gesängen der feierlichen Liturgie entsteht ein lebendiges Volksbrauchtum bei der öffentlichen Turmzeigung der Heiligtümer. Aus einer Aachener Stadtrechnung von 1349 ist ersichtlich, daß schon damals während der Zeigung der Reliquien von der Höhe des dem Münster gegenüberliegenden Rathauses „die Trompeter auf der Aula lagen und bliesen“. Die große Schar der Pilger beantwortet die Zeigung der Reliquien mit dem Blasen der „Aachenhörner“:

„Diese 4 Stück werden gezeigt ringsumb den Glockenthurm, auff den Heilthumbskammeren, und auff der Brücken, so zwischen beyden Türmen stehet, und bey Zeigung eines jedweden Stücks wird zwar herrlich musicirt, aber kan unden auff der Erden nicht wol gehört werden wegen der Heilthumbs Hörner, so auß Erden gebacken, roht oder blaw gefärbet, darinnen Kinder und grosse Leuth under dem Zeigen dermassen starck hinzublasen, daß zwei neben einander stehend sich nicht erhören mögen“ (Noppius, Aacher Chronick).

Von diesem Brauch berichtet der Pilger Philipp von Vigneulles (1510), daß beim Zeigen der Heiligtümer „unablässig Weihrauchwolken aufsteigen, man auf den Knien liege und das Volk schrie, und die Hörner erklangen. In diesem Augenblick möchte man sagen, die ganze Erde erzittere von dem Getöse der Trompeten und dem Geschrei der Männer und Frauen, die ‚Erbarme dich’ rufen, und es wiederholt sich dabei derselbe Hörner- und Trompetenschall, daß er den rollenden Donner übertönt“.

Buntes Volksbrauchtum brachten naturgemäß die Pilger aus Ungarn nach Aachen. Ihre Volkstänze wurden von den eigenen Spielleuten begleitet. Einzelne Landsleute brachten sogar Bären mit nach Aachen, die sie zur Musik tanzen ließen.

Auch das geistliche Volkslied begleitet die Verehrung der Heiligtümer und die Tage der Pilgerfahrt. Der Einzug der vielen Prozessionen in die Stadt ist erfüllt vom Gesang der Gläubigen. Kirchenlieder zur Aachener „Betefahrt“ werden in die Pilgerbüchlein aufgenommen und geben Zeugnis vom frommen Sinn und dem gläubigen Vertrauen der Wallfahrer. Nur weniges ist uns bis heute erhalten geblieben. Erwähnt werden muß hier der Altaachener Wallfahrtsspruch am Wachtturm Linzenshäuschen:

„ave maria Keiserine
du bist tzo aichen eyn werdine
dich besoict so manch vremdt gast
undanc moisz he hauen d’aichen hast.“

Kaiser Karl IV. schreibt 1354 in einem Brief an das Kapitel in Prag, daß im Kloster St. Maximin in Trier der Schleier Mariens alle 7 Jahre gezeigt werde, wie andere Marienreliquien in Aachen öffentlich alle 7 Jahre gezeigt werden. Die alle 7 Jahre stattfindende Wallfahrt wetteiferte an Bedeutung mit Rom und Santiago di Compostella. Wirkte sich die Heiligtumsfahrt befruchtend aus auf die Volksmusik, das Pilgerlied und die Turmmusik, so bestimmte die Krönungsliturgie im Aachener Münster die musikalische Ausgestaltung der kirchlichen Feierlichkeiten.

1248 Wilhelm von Holland
1257 Richard von Cornwall und Sancia
1273 Rudolf von Habsburg und Anna
1292 Adolph von Nassau und Imagina
1298 Albrecht I.
1309 Heinrich VII. und Margarethe
1314 Ludwig IV. der Bayer und Beatrix

1344 Heiligtumsfahrt mit erstmals erwähnter Turmmusik der Stadtmusikanten.

1349 Karl IV. und Anna; Anna 1354
1376 Wenzel und Johanna

1400 ältestes deutsches Weihnachtslied „Syt willekomen herre Kirst" im Ottonischen Evangeliar der Aachener Schatzkammer aufgezeichnet.
1430 „Aachener Engelskonzert", Darstellung mittelalterlicher Instrumente in 14 Konsolen der neuerstellten gotischen Chorhalle.

1414 Sigismund und Barbara
1442 Friedrich III.
1472 Prunkvolle Feierlichkeit im Dom mit der weltberühmten Burgundischen Hofkapelle Karls des Kühnen.
1486 Maximilian I.
1520 Kaiserkrönung Karls V. im musikalischen Glanz seiner Hofkapelle unter Nicolas Gombert.
1531 Ferdinand I.

Succentor Johannes Mangon legt 1568 das umfangreiche polyphone Repertorium der Krönungskirche als Kompendium der zeitgenössischen Kompositionskunst des „Goldenen Zeitalters“ in drei Folianten handschriftlich nieder. Der aus Lüttich stammende Sangmeister Johannes Mangon starb vermutlich 1578 in Aachen an der Pest. Außer seinen eigenen Werken, 19 Messen, 54 Motetten, 42 Antiphonen, Hymnen und anderen Werken enthalten die drei Chorbücher Kompositionen von Jean Chastelain, Petrus Chenemont, Johann Claux, Clemens non Papa, Johannes de Cleve, Thomas Crequillon, Ludovicus Episcopius, Michael Guilelmus (Josel), Orlando di Lasso, Jean Maillard, Lambertus de Monte, Simon Moreau, Adamus Pontanus und Franciscus de Rivulo.

Der Chronist Johannes Noppius berichtete 1630 in seiner „Aacher Chronick“: „Und ob jemand sich ob der schönen Musick und herrlichen Ceremonien dieser kirche wurde verwundern, der solle wissen, dasz es sich allhie also gebühre als in sede regia.“

Ein instrumentaler Musikchor gesellte sich zum Vokalchor der Marienkirche.

Zahlreiche Stiftungen erhielten die Aachener Choralen. Aus dem 17. Jahrhundert ist uns überliefert, daß die Chorsänger zu Weihnachten und Johannes ein Maß Roggen erhielten und sie das Brot aus der Brudermühle beziehen mußten. Auch wurden sie vom Kantor zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Allerheiligen zum Mittagessen eingeladen. Die Stiftung des Kanonikus Lamine ermöglichte einem Choralschüler freies Studium an der Universität Löwen. Ähnliche Renten wurden gestiftet vom Kanonikus von Eynatten für die höheren Studien von zwei Vikariolen. Ein besonderer Wohltäter der Choralen war Kanonikus Franz Hutmacher. Täglich durften zwei Chorknaben bei ihm speisen und ihn dann auf seinem Spaziergang begleiten. Leonhard Blanche stiftete 1708 ein neues Choralenhaus, die heutige Propstei, und führte die Neuorganisation der alten Domsingschule durch. Kanonikus Kahr hatte in seinem Vermächtnis hinterlassen, daß den Knaben am Fest des heiligen Theodor ein Braten und ein halbes Maß Wein aus dem Herrenkeller gegeben würde.Wie das Leben der Vicarioli im Choralenhaus geregelt war, ist in einer Tagesordnung überliefert:

½ Stunde vor dem Läuten zur Matutin aufstehen.
½ Stunde nachher gemeinschaftliches Morgengebet im Museum.
Beim ersten Glockenschlag gehen alle Choralen zur Kirche und beten unter der Lichterkrone 5 Vater unser und 5 Gegrüßet seist du Maria. Diese Gebete werden wiederholt, sooft sie die Kirche betreten oder verlassen. Wenn zuviel Volk sich in der Kirche befindet, werden die Gebete vor dem Muttergottesaltar verrichtet. Nach der Matutin Frühstück und kurzer Bibelunterricht.

8.00 Uhr erste Gesangstunde,
9.00 Uhr kleine Tageszeiten und Hochamt, nach dem Hochamt Latein lesen,
11.00 Uhr zweite Gesangstunde oder katechetischer oder lateinischer Unterricht,
12.00 Uhr Mittagessen,
13.00 Uhr Elementarunterricht,
14.15 Uhr Vesper und Complet,
15.00 Uhr bis 19.00 Uhr Elementarunterricht.
An Samstagen und Vigilien vor Festen fällt dieser Unterricht aus.
19.00 Uhr Abendessen,
20.15 Uhr Rosenkranz und Abendgebet,
21.00 Uhr Schlafengehen.

Anfang September des Jahres 1737 weilte Georg Friedrich Händel in Aachen zu einer Wasserkur. Die Heilkraft der Schwefelthermen befreite ihn in kurzer Zeit von seiner Lähmung und seinen psychischen Depressionen. Dank und Freude über die wiedergewonnene Gesundheit soll er in herrlichem Orgelspiel in der Stadtkirche in Burtscheid Ausdruck gegeben haben. Die ergriffenen Hörer schrieben die Heilung dem Wunderwirken der heiligen Cäcilia zu. Anfang November kehrte Händel nach London zurück.

In den Wirren der Franzosenzeit wurde das Choraleninstitut des ehemaligen Krönungsstiftes 1802 aufgehoben. Alle Güter und Renten der reich dotierten Einrichtung wurden vom Staate eingezogen, das „Unterrichts- und Erziehungshaus für die Chorschüler der Münsterkirche" nach der Errichtung des ersten Bistums Aachen dem ersten Generalvikar Fonck als Wohnung übergeben. Da die Stiftungen nicht wieder auflebten wurde in einem anderen Haus auf dem Katschhof das Institut mit nur vier Chorknaben in bescheidenem Umfang wieder hergestellt. Die Eltern mußten die Kinder selbst unterhalten; ebenso mangelte es an den Mitteln, um das Gehalt für die Lehrer der Choralschule aufzubringen. Bischof Berdolet klagte dem Kultusminister die Armut der Kirche: „Das Orchesterhaus, unter Karl dem Großen ehedem so glänzend, ist keine Zierde der Stadt mehr."

Anton Schindler, Beethovens Sekretär und erster Biograph wurde 1835 Stiftskapellmeister in Aachen.

Das seit dem 17. Jahrhundert erwähnte Domorchester verband sich gelegentlich zu gemeinsamen Aufgaben mit der traditionellen städtischen Harmoniemusik und bildete so die Vorform des 1852 errichteten städtischen Orchesters, des ersten städtischen Orchesters im Rheinland. Schon 1835-1840 leitete Anton Schindler, der spätere Biograph Beethovens, das städtische Musikwesen und die Festmusiken im Dom. Seit 1825 reiht sich Aachen in den Turnus der „Niederrheinischen Musikfeste" ein mit der ersten Aufführung von Beethovens 9. Symphonie nach der Wiener Uraufführung zur Eröffnung des Neuen Theaters. Mit dem Aufblühen des städtischen Musiklebens im 19. Jahrhundert sind verbunden die Namen eines Albert Lortzing, Norbert Burgmüllers und Cäsar Francks. Die Aachener Opernbühne gilt seit Lortzing als „Sprungbrett der jungen Talente". Das musikalische Aachen wurde geführt von bedeutenden Generalmusikdirektoren:

Fritz Busch (1912-1919)
Peter Raabe (1920-1935)
Herbert von Karajan (1935-1942)
Paul van Kempen (1942-1944)
Wolfgang Sawallisch (1953-1958)

Domkapellmeister Heinrich Böckeler (1836-1899) leitete von 1864 bis 1891 die Dommusik. Die von Heinrich Böckeler gegründete Kirchenmusikschule „Gregoriushaus“ entsendete Oganisten nach Irland und Amerika.

Eine starke Intensivierung der Chorarbeit brachte die cäcilianische Bewegung seit 1880, in deren Gefolge Franz Nekes durch sein kompositorisches Schaffen für die Entwicklung der Kirchenmusik fördernd wirkte. Franz Nekes (1844-1914) verwaltete das Amt des Domkapellmeisters von 1891 bis 1913.

Johannes Mölders (1881-1943) übernahm das Amt des Domkapellmeisters von 1913 bis 1918. Leo Wachten (1888-1962) leitete den Domchor von 1918 bis 1924.

Unter Theodor Bernhard Rehmann (1895-1963), seit (1924) 1925 Domkapellmeister, drang der Ruf des Aachener Domchores weit über seinen örtlichen Wirkungskreis hinaus. Reisen nach Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Österreich, Konzerte in Berlin, Paris und Rom, Schallplatten-, Fernseh- und Rundfunkaufnahmen bestätigten die Stellung des Aachener Domchores in der ersten Reihe deutscher Kathedralchöre. Im Herbst 1963 sang der Chor vor dem Papst und den Vätern des II. Vaticanums in Rom J. S. Bachs „Hohe Messe in h-moll“. Rehmann war wenige Wochen zuvor gestorben.

Infolge der institutionellen Sicherung durch die 1960 wiedererstandene Domsingschule gewann die Chorarbeit mit Knabenoberstimmen wieder an Umfang und Bedeutung. In dieser Besetzung führte der Aachener Domchor die großen Meisterwerke der geistlichen Chormusik von Palestrina und Lassus, über Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Verdi bis zu Vaughan Williams, Kodály, Britten und anderen zeitgenössischen Komponisten mit anerkanntem Erfolg im In- und Ausland auf. 

Der Kultusminister von Nordrhein-Westfalen hat mit Wirkung vom 1. August 1971 dem Aachener Domkapitel die Genehmigung erteilt, die Domsingschule als private katholische Grundschule für Jungen zu führen. Damit wurde eine Entwicklung abgeschlossen, die 1959 mit dem Bau des Singschulgebäudes am Katschhof begann. Aus den beiden seit 1961 als „Experiment" geführten Sonderklassen wurde 1969 eine vierklassige Grundschule, die auch formell ihre volle Eigenständigkeit als private Ersatzschule erhalten hat.

Eine wechselvolle Geschichte haben die Chorsänger in vielen Jahrhunderten erlebt. Ihre Aufgabe blieb zu allen Zeiten unverändert: Die musikalische Ausgestaltung der feierlichen Liturgie im Hohen Dom zu Aachen und die Bewahrung und Pflege des kostbaren Schatzes der Kirchenmusik.

(Quelle: Rudolf POHL, Musik im Dom zu Aachen, 1200 Jahre Chorschule am Hofe Karls des Großen, Aachen 1981, S. 3-18. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.)